Die Ulmer Universitätsgesellschaft e. V. ist ein von der Universität Ulm unabhängiger Verein. Sie hat daher jederzeit das Recht und die Möglichkeit, zu Themen Stellung zu nehmen, die dem § 2 ihrer Satzung entsprechen. 

 

Mail-Aktion des UUG-Vorstandes im November 2010 an die Mitglieder

Stuttgart 21/Neubaustrecke Wendlingen-Ulm


Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitglieder der Ulmer Universitätsgesellschaft,

 

heute spricht Sie der Vorstand der UUG zu einem Thema an, das derzeit nicht nur die hiesige Region, sondern inzwischen auch die ganze Republik bewegt:

 

Stuttgart 21 und Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, d. h., der geplante Umbau des Bahnhofes Stuttgart mit einer Tunnelverbindung zum Flughafen Stuttgart sowie die Neubaustrecke von dort über Wendlingen nach Ulm.

 

Der Vorstand hat auf seiner Sitzung am 21.10.2010 dieses Thema beraten und ist der Auffassung, dass auch die Ulmer Universitätsgesellschaft im Rahmen ihrer in der Satzung verankerten Ziele dazu eine Position beziehen sollte.

Dabei lassen wir uns von der Überzeugung leiten, dass dieses Vorhaben nach seiner Verwirklichung für den Standort Ulm und die umgebende Region enorme Vorteile bringen wird.

Die Universität ist Teil der Wissenschaftsstadt Ulm. Zusammen mit Science - Park,  der Hochschule und bedeutenden Firmen ist der Obere Eselsberg inzwischen der größte Arbeitgeber der Stadt Ulm. Sie profitiert in besonderem Maße von diesem Jahrhundertprojekt. Mit dieser schnellen Verbindung wird die Mobilität unserer Studierenden und Wissenschaftler, insbesondere vor dem Hintergrund der intensiven Kooperationen der Universität Ulm mit den Nachbar-Universitäten Stuttgart und Hohenheim wie auch mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT, Zusammenschluss von Universität Karlsruhe (TH) und dem Forschungszentrums Karlsruhe) verbessert.

Außerdem schafft die hiesige Region mit dem gemeinsam von der Stadt und der  Universität auf den Weg gebrachten Masterplan für den Oberen Eselsberg sowie dem darin beinhalteten Bau einer Straßenbahnlinie vom Hauptbahnhof in die Wissenschaftsstadt ihren eigenen Beitrag zu dieser erheblichen Standortverbesserung.

Als Universitätsgesellschaft fühlen wir uns in besonderem Maße unserer Universität verbunden.

Sofern Sie sich in den Kreis der Befürworter von Stuttgart 21 einbringen wollen, können Sie dies gerne über die Homepage der hiesigen Initiative "Zukunft – Region -Ulm" tun. Unter http://www.zukunft-region-ulm.de/ finden Sie entsprechende Angaben.

 

Dazu wollen wir Sie ermuntern.

 

Der Vorstand der Ulmer Universitätsgesellschaft

 


Weiterbestand des Humboldt-Studienzentrums

Anlässlich der feierlichen Verabschiedung des bisherigen langjährigen Sprechers des Humboldt-Studienzentrums, Prof. Dr. Dieter Beschorner am 23. März 2010 in der Villa Eberhardt hat dessen Nachfolger Prof. Dr. Heiner Fangerau ein Grundsatzreferat zum Weiterbestehen des Humboldt-Studienzentrums gehalten.

Dieses geben wir an dieser Stelle wieder. Der Inhalt findet die uneingeschränkte Unterstützung der Ulmer Universitätsgesellschaft.

  

Entwicklungspotenziale für das Humboldt Studienzentrum

Prof. Dr. Heiner Fangerau

 

Festvortrag am 23.03.2010 zur Verabschiedung von Prof. Dr. Dieter Beschorner

 

Das Humboldt Studienzentrum für Philosophie und Geisteswissenschaften, das an der Universität Ulm geisteswissenschaftliches Forschen, Lehren und Handeln vertritt, ist überregional bekannt und als Vertretung der Geisteswissenschaften in Ulm anerkannt. Es blickt in eine Zukunft, die für das Humboldt Studienzentrum neue Aufgaben, erweiterte Aufträge, das Nutzen von Potenzialen und vielfältige Perspektiven bedeutet.

„Universitas“, das Wort aus dem sich Universität ableitet, bedeutet so viel wie Gesamtheit aller Dinge oder aber im Bereich des Sozialen die gesellschaftliche Gesamtheit. An der Universität Ulm, die sich zu Recht Universität nennt, wird diesem Ganzen nicht zuletzt durch das Humboldt Studienzentrum genau die kultur-, gesellschafts- und geisteswissenschaftliche Perspektive hinzugefügt, die notwendig ist, Forschung im Bereich der Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaftswissenschaft zukunftsorientiert und nachhaltig in gesellschaftliche Prozesse einzubinden. An der Universität Ulm erfüllt das Humboldt Studienzentrum die Aufgabe, anderen Disziplinen in Forschung und Lehre ein Forum anzubieten, das eigene Denken und Handeln zu reflektieren und eventuell zu adjustieren. Im Sinne Luhmanns erfüllt das Humboldt Studienzentrum die Rolle des Beobachters zweiter Art, der hilft, ausdifferenzierte Spezialwissenschaften von außen zu betrachten und damit gesamtgesellschaftlich einzuordnen. Somit wirkt es daran mit, zukünftige Entwicklungen einer Wissenschaft, Notwendigkeiten, Themen und Perspektiven zu erkennen.

Jedoch ist nach all dieser Legitimation eventuell zu fragen, ob nicht die Frage nach dem „wozu“ nicht schon falsch gestellt ist. So, wie ich die Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin als biomedizinischer Grundlagenforschung begreife, so können auch die Philosophie und Geisteswissenschaften wie sie am Humboldt Studienzentrum gelehrt und geforscht werden, als kultur- und gesellschaftswissenschaftliche Grundlagenforschung für die anderen Fakultäten an der Universität Ulm gesehen werden. Auch bei anderen Grundlagenwissenschaften stellt sich stets die Frage nach dem “wozu“, doch gerade ihre Rolle als Grundlagenforschung enthebt sie von der Notwendigkeit der konkretistischen Antwort auf diese Frage. Das Erkenntnisinteresse per se, als anthropologische Wesenheit, rechtfertigt ihre Existenz, ganz abgesehen davon, dass sie erst die Grundlage für anwendungsorientierte Forschung bilden können.

An der Universität Ulm fehlt eine philosophische Fakultät, die diese Aufgabe an anderen Universitäten erfüllt. Doch gerade dieses Fehlen einer philosophischen Fakultät kann auch als eine besondere Chance für das Humboldt Studienzentrum begriffen werden. Eine besondere Stärke der Kultur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaften ist es,

  • interdisziplinär zu denken,
  • aus der Gesellschaft heraus naturwissenschaftlichen-technischen Disziplinen eine Perspektivenerweiterung anzubieten,
  • über interdisziplinäre Vernetzung entfernte Denkkollektive miteinander zu konfrontieren und damit zu neuem Denken anzuregen
  • und somit zuletzt Denkzwänge aufzuheben.

 

Auf diese Weise kann es einer Geisteswissenschaft, die interdisziplinär mit den naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen arbeitet, gelingen, zum Vorkämpfer gegen Dogmatik und Scholastik zu werden und neues Denken sowie neue Theoriebildung in den Naturwissenschaften anzuregen. Ohne die eigenen Denkzwänge einer philosophischen Fakultät hat das Humboldt Studienzentrum, das an der Universität Ulm als interfakultär angesiedelte Einrichtung genau im Zentrum der anderen Fakultäten steht, die besten Voraussetzungen, genau diese Brückenstellung und Übersetzerfunktion in idealtypischer Form einzunehmen. Es kann als Fenster aus den biotechnischen, mathematischen, naturwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen heraus in die Gesellschaft begriffen werden, aber genau auch anders herum als Fenster für die Kultur- und Gesellschaftswissenschaften in die mathematisch naturwissenschaftlichen Disziplinen hinein wirken.

 

Hieraus ergeben sich für das Humboldt Studienzentrum für die Zukunft verschiedene Perspektiven. Natürlich kann nicht der Anspruch eine philosophische Fakultät zu gründen im Vordergrund der Bestrebungen des Humboldt Studienzentrums stehen, ohne über das gesamtuniversitäre Modell der Universität Ulm nachzudenken. Hierfür besteht aber auch keine unbedingte Notwendigkeit, denn gerade über das Humboldt Studienzentrum sind die Philosophie und Geisteswissenschaften auch in Ulm überregional sichtbar vertreten. Gleichzeitig aber muss es Aufgabe des Humboldt Studienzentrum sein, die Basis geistes- und kulturwissenschaftlichen Denkens an der Universität Ulm zu verbreitern und zu festigen, um so die Universität im Sinne der „universitas“ zur Universität zu machen. Das Humboldt Studienzentrum ist eines der Alleinstellungsmerkmale der Universität Ulm, die unbedingt ausgebaut werden müssen. Hierzu gehören Aktivitäten in der Lehre und der Forschung.

 

Lehre

a)   In der Lehre sollte es ein Ziel sein, den schon existierenden Humboldtschein für Studierende weiter anzubieten und ihn mit Hilfe der ehemaligen Gast-Professorinnen und Professoren sowie den Honorarprofessorinnen und –Professoren an anderen Universitäten erkennbar zu machen. Die Vision wäre ein Humboldtschein, der gerade durch die hiesige Nähe zu den Naturwissenschaften wissenschaftsphilosophisches Denken so attraktiv fächernah (in Kooperation mit weiteren Disziplinen) vermittelt, dass Studierende anderer Universitäten für ein Semester nach Ulm kommen, um genau diesen Schein hier für ihr Studium an ihrer Philosophischen Fakultät zu erwerben.

b)   Ferner könnte es ein zukünftiges Ziel sein, ein interdisziplinäres Masterprogramm, konsekutiv oder berufsbegleitend über das Humboldt Studienzentrum anzubieten, das den Versuch unternimmt, Ingenieure oder Wirtschaftswissenschaftler auszubilden, die über fundiertes ethisches und theoretisches Wissen verfügen und so vielleicht einen besonderen Zweig der Beratertätigkeit bedienen können.

c)    Eine dritte und zeitlich in näherer Zukunft liegende Perspektive besteht darin, bei einem eigenen fehlenden Bachelorprogramm des Humboldt Studienzentrums, die 10% der Besten eines Jahrgangs an den einzelnen Fakultäten unserer Universität in Seminaren, Kursen und Ringvorlesungen auch für kultur-, gesellschafts- und geisteswissenschaftliches Denken zu begeistern. Unter der Annahme, dass diese 10% der Besten eines Jahrgangs einst die gesellschaftliche Elite darstellen sollen, erscheint es unbedingt notwendig, dass gerade diese, die es sich intellektuell leisten können, auch im gesellschaftlichen Wissen geschult werden dürfen.

d)  Zuletzt sollten, als Leuchtturm der Universität in die Stadt hinein, die bisher so erfolgreichen Ulmer Denkanstöße unbedingt fortgeführt werden, weil sie dazu beitragen, das Wirken der Universität für die Gesellschaft in der Ulmer Gesellschaft sichtbar zu machen.

 

Forschung

Auch für die Forschung ergeben sich Perspektiven und aktuelle Desiderate für das Humboldt Studienzentrum.

a)   Zusammen mit dem Gastprofessor sollen aus dem Humboldt Studienzentrum heraus interdisziplinäre Forschungsprojekte aufgebaut und getragen werden.

b)   Hier schließt sich unmittelbar die Drittmittelakquise für die Geisteswissenschaften an.

c)   Darüber hinaus besteht das Ziel, diese Forschungen des Humboldt Studienzentrums so zu gestalten, dass sie auch die Theoriebildung der naturwissenschaftlichen und technischen Teilbereiche der Universität im Dialog mit diesen befruchten. Auf diese Weise würde der Standort Ulm auch in der Forschung auf der geisteswissenschaftlichen Landkarte Europas gestärkt werden.

Die aktuelle ubiquitär wahrnehmbare Krise des Wissens, der Wirtschaft und der Gesellschaft, die die Notwendigkeit der Beschäftigung mit geisteswissenschaftlichen Themen vor Augen führt, stellt hier eine ungeheure Chance für das Wirken des Humboldt Studienzentrum dar. Nicht umsonst waren und sind gerade die Länder im internationalen Forschungsvergleich erfolgreich, in denen auch die Kultur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaften eine starke Verankerung erfahren haben. Unter diesem Gesichtspunkt hat das Humboldt Studienzentrum nicht nur eine Perspektive an der Universität Ulm, sondern es stellt als Einrichtung unter forschungsstrategischen Gesichtspunkten eine unbedingte Notwendigkeit für die Universität Ulm dar. Dieser Aufgabe hat sich das Humboldt Studienzentrum in der Zukunft proaktiv zu stellen (wie es das schon in der Vergangenheit getan hat) und es wird diese mit der notwendigen Unterstützung aller Fakultäten auch trotz des Fehlens einer Philosophischen Fakultät in Ulm erfüllen können.