Patientenherz statt Herz aus Stein

Trauma kann jeden treffen, Tierversuche helfen, Leben zu retten

Der Verein "Ärzte gegen Tierversuche" will Forschenden der Universität Ulm das "Herz aus Stein" für den "schlimmsten Tierversuch des Jahres" verleihen. Die Universität Ulm respektiert die Meinung der Ärzte gegen Tierversuche, lehnt diesen Negativpreis jedoch vehement ab. Gemeinsam mit Kollegen aus Medizin und Naturwissenschaften protestieren die kritisierten Forschenden insbesondere gegen die Unterstellung des Vereins, ihre Experimente seien "absurd" und "grausam". Tatsächlich dienen die Versuche einer besseren Behandlung schwer verletzter Unfallopfer.

Bei den von "Ärzte gegen Tierversuche" beanstandeten Experimenten handelte es sich um genehmigte, für die Behandlung von schwer verletzten Patienten hochrelevante Versuche des Trauma-Sonderforschungsbereichs 1149. Die im SFB beforschten schweren Verletzungen können jeden treffen: Jedes Jahr erleiden Millionen Deutsche einen Unfall. Insgesamt gelten traumatische Verletzungen sogar als häufigste Todesursache bei Menschen unter 45 Jahren.

Auf der anderen Seite mindern gerade ein fortgeschrittenes Lebensalter und chronische Erkrankungen die Überlebenschance nach schweren Traumata. Ein Beispiel ist die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), die oft bei langjährigen aktiven, aber auch passiven Rauchern, auftritt. Gemäß der Webseite "Lungenärzte im Netz" ist im Alter von über 40 Jahren rund jeder Zehnte von dieser Krankheit betroffen. Bei einem Verkehrsunfall haben COPD-Patienten - darunter auch Passivraucher - ein mehrfach erhöhtes Risiko, ein Lungenversagen zu erleiden. Warum das so ist, und wie Traumapatienten mit COPD optimal behandelt werden können, ist bisher nicht ausreichend verstanden.

Wie Patienten auf der Intensivstation

Hier setzen die von "Ärzte gegen Tierversuche" kritisierten Versuche an. Dabei simulieren Ulmer Forschende die Erkrankung COPD, indem Mäuse Tabakrauch ausgesetzt werden. Unter tiefer Narkose und Schmerzmittelgabe werden den Tieren anschließend Verletzungen zugefügt, wie sie bei einem Verkehrsunfall entstehen können. "Während des Trauma-Experiments werden die insgesamt rund 50 Mäuse behandelt wie Patienten auf der Intensivstation", erklärt Professor Peter Radermacher, Leiter des Instituts für Anästhesiologische Pathophysiologie und Verfahrensentwicklung. Dadurch erlangen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler detaillierte Einblicke in die komplexe körpereigene Reaktion, die "Gefahrenantwort", von COPD-Patienten nach (Lungen-) Verletzungen.

Tierversuchsfreie Alternativen noch nicht ausgereift

Die Notwendigkeit, Reaktionen des Körpers auf traumatische Verletzungen zu verstehen, sieht auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Seit 2014 fördert die DFG den Trauma-Sonderforschungsbereich an der Universität Ulm. In diesem Verbund aus grundlagenorientierten sowie klinisch tätigen Forschenden wird unter anderem die Rolle von Vorerkrankungen bei der unmittelbaren körperlichen Reaktion auf schwere Verletzungen und bei der Regeneration untersucht. Dabei setzen die Forschenden, wann immer möglich, auf tierversuchsfreie Alternativen, die ebenfalls im SFB beforscht werden. Im konkreten Fall kann das komplexe Zusammenspiel der Gefahrenmoleküle mit der Lunge und dem Gesamtorganismus jedoch keineswegs in einem alternativen System wie "Lung on a chip" - dem "atmenden" Modell einer menschlichen Lunge - erfasst werden. Detaillierte Kenntnisse dieses Zusammenwirkens sind aber nötig, um die Antwort des Gesamtorganismus nach schweren Verletzungen zu verstehen. Daher haben die Forschenden das jetzt von "Ärzte gegen Tierversuche" kritisierte Experiment beantragt und vom Regierungspräsidium eine Genehmigung erhalten.

Die ethische Abwägung zwischen dem Versuch und den Erkenntnissen, die mittel- bis langfristig zu einer verbesserten Behandlung und Lebensqualität von (COPD-) Patienten führen können, ist auch aus Sicht der genehmigenden Behörde ausgewogen. Vor jeder experimentellen Serie wird ein Antrag beim Regierungspräsidium Tübingen für die Genehmigung solcher Versuchsvorhaben gestellt. Dort prüft eine Kommission, bestehend aus Forschenden und Vertretern des Tierschutzes, die Plausibilität, die Unerlässlichkeit und die ethische Vertretbarkeit des Versuchs. Erst nach einem positiven Votum entscheidet das Regierungspräsidium über die Genehmigung. Selbstverständlich sind alle Tierversuche im Trauma-SFB und an der Universität Ulm vorab genehmigt und stehen unter ständiger behördlicher Kontrolle.

Ergebnisse sind auf den Menschen übertragbar

Zur Aussage des Vereins, dass Ergebnisse aus Tierexperimenten nicht auf den Menschen übertragbar seien, sagen die Ulmer Forschenden: "Tatsächlich waren einige unserer Tierversuche die Basis von klinischen Studien an Patienten, die zeitnah zu neuen Therapien führen werden. Andere Tierexperimente haben bewirkt, dass Substanzen eben nicht in klinischen Studien am Menschen erprobt worden sind. Bereits im Tierversuch konnten wir Nebenwirkungen nachweisen, durch die Patienten zu Schaden gekommen wären."

Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchungen zum Einfluss der Vorerkrankung COPD auf die Gefahrenantwort und Regeneration nach schweren Verletzungen werden nicht nur in Fachjournalen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie finden auch Eingang in Leitlinien zur Behandlung von Patientinnen und Patienten, die ein schweres Trauma erlitten haben. So können die Versuchsergebnisse dabei helfen, Leben zu retten. "Die Universität Ulm stellt sich vor die kritisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und betont die Wichtigkeit ihrer Traumaforschung für schwerverletzte Patienten. Traumata können Menschen jeden Alters aus dem Leben reißen, weshalb der Suche nach wirksamen Therapien ein hoher Stellenwert zukommt. Als Zeichen der Solidarität mit den Forschenden und aus Dankbarkeit für ihre exzellente, gesellschaftlich relevante Forschung verleihe ich ihnen den eigens geschaffenen Preis ,Ulmer Patientenherz'", sagt der Ulmer Universitätspräsident Professor Michael Weber.

 

Medienkontakt: Annika Bingmann