Späte Ehrung für jüdisch-stämmigen Hämatologen

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Stadt Ulm und Universität weihen Hans-Hirschfeld-Platz ein

Die Stele, die die Stadt Ulm für Hans Hirschfeld aufgestellt hat, informiert über diesen außerordentlichen Wissenschaftler und besonderen Menschen (Foto: Elvira Eberhardt / Uni Ulm)

Wer sich von Norden her der Universität Ulm nähert, kommt nicht mehr an ihm vorbei: an dem jüdisch-stämmigen Mediziner Professor Hans Hirschfeld (1873 - 1944). Der berühmte Hämatologe gehörte in den 1930er Jahren zu den weltweit führenden Wissenschaftlern auf diesem Gebiet. Er wurde 1942 von den Nationalsozialisten ins KZ Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Diesem herausragenden Forscher hat die Stadt Ulm auf Initiative der Universität Ulm einen eigenen Platz gewidmet: den Hans-Hirschfeld-Kreisel.

Feierlich eingeweiht wurde der neue Platz, der die Albert-Einstein-Allee und den James-Franck-Ring miteinander verbindet, mit einem öffentlichen Festakt am Montag, den 4. Oktober. Mehr als 200 Menschen, darunter rund 140 geladene Gäste, erwiesen Hans Hirschfeld die Ehre. Darunter waren Abgeordnete aus Bundestag, Landtag und Stadtrat, hohe Repräsentanten des Staates Israels, der jüdischen Gemeinde und des Zentralrats der Juden in Deutschland, Vertreter der Stadt und Bürgerschaft sowie zahlreiche Universitätsangehörige, insbesondere aus der Professorenschaft.

Einen festen Platz in der Zeremonie hatten auch die Studierenden der Uni. Nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Gunter Czisch enthüllten Studenten und Studentinnen die Stele und die neuen Straßenschilder, die die Stadt Ulm für Hans Hirschfeld aufstellen ließ. „Stadt, Land und Universität ehren gemeinsam diesen besonderen Arzt und  Forscher, um ihn aus der Vergessenheit zu holen“, sagte Czisch. In ihrem Grußwort, in dem Wissenschaftsministerin Theresia Bauer an den Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge vor einem Jahr erinnerte, hob die Landespolitikerin auch Grundsätzliches hervor: „Mit der Einweihung dieses Platzes würdigen wir den Mediziner Hans Hirschfeld und zeigen, dass er, sein Wirken und seine Forschungsarbeiten nicht vergessen sind. Wir wollen aber auch darauf aufmerksam machen, welche Mechanismen des Verdrängens und Vergessens im Nachkriegsdeutschland oftmals gegriffen haben und wer diese aktiv befördert hat, um davon möglicherweise auch selbst zu profitieren.“

Die Erinnerung an Hans Hirschfeld und sein Werk wurde aktiv getilgt

Nicht zuletzt aufgrund der aktiven Tilgung seiner wissenschaftlichen Verdienste und Publikationsleistungen gerieten Hans Hirschfeld und sein Beitrag zur medizinischen Forschung in Deutschland in Vergessenheit. Eine unrühmliche Rolle spielten hier auch prominente Gründerpersönlichkeiten der Universität Ulm wie der renommierte Mediziner Professor Ludwig Heilmeyer, der ein Fachkollege Hirschfelds war und sich skrupellos dessen publizistischen Vermächtnisses bediente. Der Ulmer Medizinhistoriker Professor Florian Steger hatte im Rahmen des 50. Universitätsjubiläums im Jahr 2017 bereits ausführlich auf diese unredliche Übernahme hingewiesen und vor Kurzem eine umfassende politische Biographie Ludwig Heilmeyers publiziert.

Universitätspräsident Professor Michael Weber betonte in seinem Grußwort, dass die Hochschulen in ihrer Autonomie eine besondere Verantwortung tragen und dabei nicht nur der Wissenschaft, sondern auch dem Grundgesetz verpflichtet sind: „Der Hans Hirschfeld-Platz soll uns nicht nur an das Vergangene erinnern. Vielmehr soll er uns zugleich Mahnung für die Gegenwart und Zukunft sein. Ein Symbol für herausragende Wissenschaft und für die Verpflichtung zur wissenschaftlichen Redlichkeit und zu den Werten unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung.“ In die Zukunft gewandt, und dabei dem Vergangenen verpflichtet, waren auch die Worte von Professor Thomas Wirth. Der Dekan der medizinischen Fakultät sieht in der Benennung dieses zentralen Platzes am Eingangstor zum Campus auf dem Oberen Eselsberg eine große Chance. Sie könne verstanden werden als Aufforderung an Alle – an die Forschenden und Lehrenden, sowie an die Bürgerinnen und Bürger – dem Vergessen und Verleugnen Einhalt zu gebieten.

Professorin Barbara Traub, die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg erinnerte an die jahrhundertelange kulturelle und wissenschaftliche Bereicherung Deutschlands durch jüdisches Leben. Es ist ihr ein großes Anliegen, Hans Hirschfeld, diesen herausragenden Wissenschaftler und besonderen Menschen, gemeinsam dem Vergessen zu entreißen. „Die deutsch-jüdische Geschichte ist nicht vorbei, wir alle schreiben sie längst weiter“, so Traub, die auch Präsidiumsmitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland ist. Ihr folgte auf das Rednerpult Professor Peter Voswinckel. Der Medizinhistoriker leitet seit vielen Jahren die historische Forschungsstelle und das Archiv der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) in Berlin. Anlässlich des 75. Geburtstags der DGHO (2012) hat sich Voswinckel mit den historischen Schattenseiten der Fachgesellschaft auseinandergesetzt und einen wesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen Rehabilitierung von Professor Hans Hirschfeld geleistet. „Verweigerte Ehre“ lautet der Titel der Jubiläumsbroschüre, die dem Nestor der deutschen Hämatologie gewidmet ist. Diese steht stellvertretend für alle von den Nationalsozialisten vernichteten und von Fachkollegen verdrängten und vergessenen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen dieses Fachgebiets. Der Hämatologe Hirschfeld dachte vor seiner Deportation: Das wird die Welt nicht zulassen, dass ihm etwas passiert! „Und dann war Hirschfeld tot und sein Werk vergessen. Wie konnte das geschehen?“, fragt Voswinckel.

Einladung an die Anwesenden, das vielschichtige Erbe mit der Familie zu teilen

Über Herkunft und die Verbundenheit mit der Vergangenheit sprach beim Festakt ein Mitglied der Familie. Der Kulturanthropologe Dr. Jan Watzlawik erzählte, wie alle Verstorbenen in der Familie weiterleben, ob sie nun öffentlich sichtbar blieben wie Hans Hirschfeld oder nicht. Darunter waren sowohl welche, die ermordet wurden, emigriert sind und viel Leid erfahren haben und eben auch andere, die Täter waren. „Herkunft ist nicht immer leicht“, so Watzlawik, der die Anwesenden dazu einlud, mit seiner Familie dieses vielschichtige Erbe zu teilen.

Für die Studierenden sprach Sven Fauth von der Verfassten Studierendenschaft der Uni Ulm. Fauth wies darauf hin, dass auch heute noch viele Wahrheiten unausgesprochen bleiben. „Das Vergangene bestimmt aber das, was heute ist. Wir als Studierende müssen uns entscheiden, in welcher Tradition wir leben wollen“, sagte der Student.

Musikalisch beendet hat die Einweihungsfeier Michael Lutzeier mit seinem Baritonsaxofon und Cole Porters „Begin the Beguine“. Mehrfach gedankt wurde zuvor dem Hauptinitiator der Platzbenennung. Professor Peter Gierschik, Leiter des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie, hat in enger Abstimmung mit der Stadt Ulm, dem Stadtarchivdirektor Professor Michael Wettengel und mit Dr. Nicola Wenge, der Leiterin des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg (DZOK), diese besondere Initiative auf den Weg gebracht. Eine wichtige Roll spielten dabei auch Professor Peter Voswinckel und der Ulmer Medizinhistoriker Professor Florian Steger. „Es geht uns darum, ein spätes Zeichen der Anerkennung zu setzen für einen ausgezeichneten Hämatologen, der seines Lebens, seiner Würde und Ehre beraubt wurde. Außerdem wollen wir junge Menschen im Hier und Heute sensibilisieren gegenüber frühen Anzeichen von Intoleranz, sozialer und religiöser Diskriminierung“, erklärt Gierschik.

Hans Hirschfeld-Ausstellung im Forum der Universität

Im Anschluss an die rund einstündige Einweihungsfeier wurde im Forum der Universität die Hans-Hirschfeld-Ausstellung der DGHO eröffnet. Begleitet hat den Rundgang Professor Voswinckel, der zahlreiche historische Originaldokumente für die Ausstellung zusammengetragen hat. Darunter Zeugnisse von Hirschfelds wissenschaftlicher Arbeit aber auch umfangreiche Materialien der nationalsozialistischen Existenzvernichtungs-Bürokratie wie Vermögensaufstellungen, Inventarlisten und „Heimeinkaufsvertrag“. Doch das Ehepaar Hirschfeld kam nicht ins Altersheim, sondern ins KZ, wo Hans Hirschfeld am 26. August 1944 starb. Seine Frau hat überlebt und ist nach dem Krieg ihren Kindern ins Ausland nachgefolgt. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis Mitte November. Danach zieht sie um ins DZOK.

Biografische Informationen zur Hans Hirschfeld gibt es hier!

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Peter Gierschik, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie, Universitätsklinikum Ulm, E-Mail: peter.gierschik@uni-ulm.de, Tel.: 0731 /  500 – 65500

Buchpublikation:
Florian Steger und Jan Jeskow: Ludwig Heilmeyer. Eine politische Biographie, Steiner Verlag 2021 (link)

Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann